February 3, 2018

January 6, 2018

December 23, 2017

December 10, 2017

November 26, 2017

November 12, 2017

October 29, 2017

October 15, 2017

September 30, 2017

September 16, 2017

Please reload

Aktuelle Einträge

Kärtchenhaus

July 8, 2017


Im Silicon Valley gibt man sich nicht die Hand, sondern die Visitenkarte. Nirgendwo sonst wird dem persönlichen Netzwerk ähnlich viel Bedeutung zugesprochen wie hier im Norden Kaliforniens. Es geht ums Kennen und ums Gekannt werden – wer nicht genügend Zeit ins Networking investiert, geht in der Masse erbarmungslos unter. Deshalb verbrauche auch ich an einem durchschnittlichen Tag vermutlich mehr Visitenkärtchen als jeder andere Schweizer Journalist. Während ich mich früher stets gegen die Pokémon-, die Yu-Gi-Oh- und selbst gegen die traditionellen Panini-Kärtchen gewehrt habe, bin ich hier Teil des wohl bedeutendsten Sammelspiels der Welt. Denn ein einziger Kontakt kann im Silicon Valley zum ganz grossen Durchbruch und damit zum Milliardengeschäft führen.

Eine ausgetauschte Visitenkarte macht aus einer zufälligen Bekanntschaft einen potenziellen Geschäftskontakt. Nur so kommen die innovativen Startup-Gründer an die renommierten Investoren und die Investoren an die besten Deals. Es ist ein gigantisches Kartenspiel, bei dem das Geld Trumpf ist und man richtig pokern muss, um Erfolg zu haben. Dabei gibt es die Jäger, welche an Veranstaltungen unauffällig in der Ecke lauern, um sich dann ganz gezielt auf die Beute zu stürzen, ihnen so ein Kärtchen zu entlocken. Und es gibt die Sammler, welche ungefiltert Visitenkärtchen von möglichst vielen Personen anhäufen, von denen sich dann jemand als wertvoll entpuppen könnte. Schnell verteilt man so an nur einem Abend zwischen 20 und 30 eigene Kärtchen und kommt mit genauso vielen fremden wieder nach Hause. Erst danach vernetzt man sich auch noch digital auf LinkedIn oder Facebook.

Eigentlich ist es erstaunlich, dass hier im Silicon Valley, wo alles Physische sukzessive wegdigitalisiert wird, Kartonkärtchen noch immer eine derart grosse Bedeutung haben. Es ist aber noch viel erstaunlicher, dass aus diesem Phänomen noch niemand Profit geschlagen hat. Was im Sport funktioniert, könnte sich nämlich durchaus auch in der Technologiebranche bewähren: Ein Panini-Album, in das nicht Bilder von Fussballspielern, sondern Visitenkärtchen von Tech-Millionären eingeklebt werden – sortiert nach Firma und Position. Schliesslich ist auch das Silicon Valley einer kollektiven Sammelwut verfallen. Und es gewinnt, wer die besten Karten hat.

Please reload