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Der arme Reiche

April 29, 2017


Als ich Kevin vor sechs Monaten kennen lernte, hat er mir kurz die Hand geschüttelt, mich in der Wohnung willkommen geheissen, dann ist er wieder aus dem Zimmer gehetzt. «Nur weil du gerade Millionär geworden bist, kannst du dir trotzdem ein bisschen Zeit für deinen Mitbewohner nehmen!», rief ihm Andrea noch nach, aber da war er schon weg. Damals nahm ich dem Amerikaner mit den neongrünen Socken diese Aktion ziemlich persönlich. Heute habe ich Kevin vergeben – und das nicht nur, weil ich unterdessen weiss, dass er damals tatsächlich Millionär geworden ist. Kevin ist Start-up-Gründer. Ein ziemlich erfolgreicher sogar, wie er nach spätestens zwei Whiskeys auch selber gerne zugibt. Aber noch viel lieber als über den Erfolg, spricht Kevin über all die Herausforderungen, die sein Gründer-Leben «zur zermürbenden Strapaze» machen. Als Mitbewohner, Squash- und Schachpartner erfahre ich darüber jedes Detail. Aber obwohl ich es regelmässig versuche, gelingt es mir schlicht nicht, Mitleid für ihn zu empfinden. Denn mit den Problemen von Kevin haben wohl nur die wenigsten 23-Jährigen zu kämpfen. Genauer: Bevor ich ins Silicon Valley gezogen bin, habe ich nicht mal gewusst, dass diese Probleme existieren. Fast zwei Wochen lang hat er sich beispielsweise darüber ausgelassen, dass viel zu viele Leute in sein Start-up investieren wollten. Denn so hatte er die Qual der Wahl zwischen den renommiertesten Investoren; «ein Horror», meinte er damals. Und selbst als dieser Entscheid endlich gefällt war, folgte schon die nächste «Katastrophe»: Sein Unternehmen war zu profitabel, sie verdienten zu viel Geld. Denn wenn ein Start-up schon so früh schwarze Zahlen schreibt, bedeutet das hier lediglich, dass es zu wenig Geld in das Firmenwachstum investiert. Und Kevin fand schlicht keine Zeit, um mehr auszugeben. Dass ein Leben als Start-up-Gründer hart ist, das habe ich immer angenommen. Aber bevor ich Kevin kennen lernte, bin ich stets davon ausgegangen, dass dafür ein Geldmangel, kein Überfluss verantwortlich ist. Er hat mich eines Besseren belehrt – lang und ausführlich. Und deshalb haben wir ihm jetzt auch einen passenden Spitznamen gegeben: Kevin ist «der arme Reiche».

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